S.Y. Brynja´s Blog

Schlendern unter Segeln

Zehn Wochen Auszeit einhand

 

Urlaub 2010

 

Ich habe zehn Wochen Zeit und keinen Plan. Natürlich ist da gleich die Versuchung, besonders weit entfernte Ziele ins Auge zu fassen. Bretagne, Irische See oder rund England locken. Aber ich mache mir besser nichts vor, weder psychisch noch physisch bin ich für so etwas in der richtigen Verfassung. Im Gegenteil, es soll ein besonders ruhiger und stressarmer Törn werden. Obwohl ich einhand (allein) unterwegs bin steht mir der Sinn auch gar nicht danach, Leute zu treffen. Erst nach dem Start entscheide ich mich für die Ostsee und kaufe in Lemmer die fehlenden Seekarten .

 

Mo., 10.05.10, Lelystad – Enkhuizen

Wird Zeit, dass ich los komme! Der Tag fängt gut an. Sämtliche Duschen werden plötzlich brühheiß. Natürlich nachdem ich mich komplett eingeseift hatte… Es geht wirklich nicht, also findet die Entseifung unter dem Wasserhahn statt, da ist die Temperatur nämlich regelbar. Kurzes Meckern beim Hafenmeister und schon ist die Herrendusche gesperrt.
Erst mal unter Motor los, direkt übers Markermeer Richtung Enkhuizen. Es ist ziemlich kühl. Als die Segel endlich einigermaßen stehen (es ist ihr erster Einsatz dieses Jahr) und das Boot gerade schön läuft, schläft der Wind ein. Auch das noch, gleich zu Beginn motoren. Und das mir! Nach einer Dreiviertelstunde kommt der Wind wieder und das Leben ist schön. Im Naviduct (Kombination von Schleuse und darunter her geführter Straße, man fährt also mit dem Boot über den Autos her) bin ich allein. Ist auch gut so, denn die Einhand-Manöver klappen noch nicht hundertprozentig. Da muss ich nach und nach noch einiges austüfteln. Das ist von Boot zu Boot verschieden. Ich mache im Buitenhaven fest, das ist der große Stadthafen. Es ist noch schön wenig los, nur ein Boot kommt später längs. Noch ein bisschen einkaufen, mein Lieblings-Buchladen hat leider Urlaubspause. Abends kommt sogar die Sonne durch.

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Di., 11.05.10, Enkhuizen – Schokkerhaven

Morgens ist es in der Sonne und dem Schutz der Häuser und Bäume geradezu sommerlich warm. Sofort fläzen sich viele leicht bekleidet ins Cockpit. Ich klettere nochmal zur Mastspitze hoch und kann die Dreifarbenlaterne endlich zum Funktionieren bringen. Die Maststufen möchte ich nicht mehr missen!

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Noch ein paar restliche Einkäufe, die mir eingefallen sind und gegen elf los. Ein Stück raus und dann verschiedene Segelstellungen und -manöver ausprobiert.
Anschließend Kurs Richtung Ketelbrücke. Das sollte eigentlich in einem Schlag gehen. Windstärke 4, genau richtig, erst halb, dann hoch am Wind, später wieder halb. Ab Mittag kommen über Funk Starkwindwarnungen für Windstärke 6. Beim Anflug auf die Ketelbrücke schlage ich im Almanak nochmal die Durchfahrthöhe nach: 12.9 m. Das Boot ist 12.6 m hoch plus ein minimaler Zuschlag für die Wellen. Dürfte also kein Problem sein, ist aber immer wieder spannend! Optisch muss es nämlich einfach schief gehen! Die letzte Meile vor der Brücke wird der Wind stark ungleichmäßig. Ich muss hoch am Wind einen kleinen Extra-Schlag machen, weil ein Entgegenkommer auf seinem Vorrang beharrt. Dann wieder in Rauschefahrt Richtung Brücke. Man muss da unter einem ganz bestimmten Bogen in der Mitte durch. Der Wind schickt den üblichen Drücker, wenn man ihn nicht braucht. Das Boot legt sich auf die Backe und geht ab! Bringt nichts, ist aber mal herrlich!

P1130040Ein paar hundert Meter vor der Brücke knallt es plötzlich wie ein Schuss und das Luv-Oberwant fliegt durch die Gegend (Das ist das Drahtseil, mit dem die Mastspitze zum Wind hin abgestützt ist). Zum Glück steuere ich von Hand und wende sofort, damit der Wind mir den Mast von der anderen Seite her stützt. Es geht soeben, ein an dieser Seite überholender Frachter hat noch genug Platz und war wegen der Brücke auch aufmerksam. Jetzt könnte ich gut Personal oder zumindest acht Arme gebrauchen… Hatte ich erwähnt, dass der Wind passend zu der kleinen Havarie vorhersage gemäß zunahm? Erst mal den Autopilot Richtung Urk eingestellt, das ist Halbwind. Dann die Genua weg gerollt und das Spi-Fall als Ersatz-Oberwant durchgesetzt. Schließlich dreimal nachgesehen, ob auch nicht das kleinste Leinchen im Wasser hängt, bevor ich den Motor starte. Gebranntes Kind und so… Dann kommt auch das Groß runter und bei all dem ist der Mast stehen geblieben. Nach einigem Herumprobieren und Improvisieren kann ich das Want sogar provisorisch reparieren. Zum Segeln reicht es allerdings nicht, aber um doch wieder abzudrehen Richtung Schokkerhaven. Wir passen tatsächlich unter der Brücke durch und eine Stunde oder so später klappen auch die Anlegemanöver in Schokkerhaven.
Gleich darauf kommt eine Motoryacht und parkt zwei Boxen weiter ein. Ein Paar darauf, viel Bugstrahlruder, wenig Plan. Ich gehe die Leinen annehmen. Das Boot ist gerade mehr schlecht als recht halbwegs in der Box als die Frau beim Hinüberlegen der Heckleine ins Wasser fällt. Ihr Mann merkt es erst als sie ein paar Mal gerufen hat. Dann lässt er alles stehen und liegen und das Boot treiben, während er versucht, seine Frau aus dem Wasser zu kriegen. Das Boot macht, was es will, ich tüdele es erst mal mit einer Leine provisorisch fest. Er kriegt seine Frau immer noch nicht aus dem Wasser. Deshalb klettere ich auf das Boot und schnappe mir ihren anderen Arm. Da geht es recht zügig. Dabei drängt sich der Gedanke wieder mal auf, wie unmöglich es unter anderen Bedingungen ist, jemanden aus dem Wasser zu bekommen. Das Boot hier hatte gerade mal einen halben Meter Freibord und die Frau wog vielleicht 60 kg, trocken zumindest.
Ab dem späten Nachmittag beginnt es heftig zu regnen und hört erst am nächsten Morgen gegen zehn wieder auf. Dabei legt der Wind auf sechs zu, Windwarnungen werden für sieben ausgegeben. Ich beschließe, den nächsten Tag hier zu bleiben, zumal ich die Wanten korrekt repariert haben will.Der Hafenmeister hier, Hans van Kralingen, hat früher lange bei der Werft gearbeitet, die das Boot gebaut hat. Er war so was wie Leiter der Werkstatt und für die Qualitätskontrolle zuständig. Gerade letzteres will bei dieser Werft etwas heißen. Sie lebt nämlich unter anderem von ihrer Reputation hinsichtlich der Qualität. Jedenfalls hat der Mann weithin einen besonderen Ruf bezüglich seiner Kompetenz und Hilfsbereitschaft. Er ist auch der Grund, warum ich gerade hier mal hin wollte. Ich hatte da so ein paar Fragen. Auch ohne diese kleine Havarie…Um es gleich zu sagen: ich kann das alles nur bestätigen!

 

Mi., 12.05.10, Schokkerhaven, Hafentag

Heute ist sowieso Windwarnung ausgegeben: N-NE 7, da bietet sich der Hafentag an. Mit Hilfe und Beratung des Hafenmeisters ist das Rigg schließlich vernünftig repariert, es gibt keine Provisorien mehr. Auch sonst gibt es noch genug Kleinigkeiten am Boot zu machen, der Tag ist schnell rum.Der Wind ist, wie versprochen, deftig, lässt abends nach.

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Do., 13.05.10, Schokkerhaven – Lemmer

Kurz vor Mittag los, angedacht habe ich Hindeloopen als Ziel. Da liegen Bekannte mit ihrem Boot, die ich besuchen will. Vor der Ketelbrücke ist mal wieder Stau, weil ihre klappbare Durchfahrt wegen technischer Probleme nicht bedient werden kann. An beiden Seiten warten schon je zwei Dutzend Boote.

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Über Funk meint der Brückenbediener, es würde noch mindestens eine Stunde dauern (letztlich waren es anderthalb Tage mit nur zwei Öffnungen pro Tag). Ich kann ja einfach darunter her segeln, schönes Gefühl! Der Wind passt mit NW 4 einigermaßen. Eigentlich schönes Segeln, nur arg kalt. Deshalb drehe ich ab nach Lemmer, es reicht für diesen Tag. Abends um halb sechs bin ich da. Durch meine Urlaubsstimmung war mir ganz dadurch gegangen, dass Feiertag = Vatertag ist. Dementsprechend ist Lemmer gestrichen voll, überwiegend Deutsche. Viele trink- und feierfreudige Chartercrews, überall Halligalli, hoch die Tassen, Kinderkarussell, usw. Nicht ganz das, wonach mir der Sinn steht…

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Fr., 14.05.10, Lemmer – Hindeloopen

Gegen elf los, mangels Wind ist erst mal wenig mit Segeln. Egal, ich habe es nicht eilig. Vor Lemmer finden zwei Regatten für Skutjes statt. Das sind so zwanzig Meter lange traditionelle holländische Plattbodenschiffe. Diese Veranstaltungen werden sehr ernst genommen, da wird gekämpft!

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Ich helfe ein paar Mal mit dem Motor nach, um einzelnen Skutjes aus dem Weg zu gehen. Nach ein paar Meilen rafft der Wind sich auf, wenn auch von vorne. Aber es ist sonnig und wieder herrliches kaltes Segeln. Als ich nach der Mokkebank und dem Vrouwezand gen Norden abbiege, dreht der Wind mit, so dass er auch weiterhin von vorne kommt. Also den ganzen Tag kreuzen, aber bei 2-3, zuletzt 4 Windstärken ist das komfortabel. Abends um sieben bin ich in Hindeloopen. Auch hier ist der Hafen proppenvoll. Abends Klönschnack auf der Tide, dem Boot meiner Bekannten.

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Sa., 15.05.10, Hindeloopen, Hafentag

Eigentlich war das gar nicht als Hafentag geplant. Eigentlich wollten mein Bekannter Enno und ich nur mal eben den Impeller der Kühlwasserpumpe am Motor wechseln. Eigentlich ist das gründlich schief gegangen. Eigentlich haben wir uns -im Nachhinein betrachtet- schlichtweg dämlich angestellt! Jedenfalls war das Ergebnis die teilweise Flutung des Motorraumes, der neue Impeller passte überhaupt nicht, das Boot sah aus wie eine Baustelle, alles nass, einfach schön! So kann man den Tag auch rumkriegen. Spätnachmittags war alles wieder dicht, das Boot wieder einigermaßen trocken und aufgeräumt. Um mein Glück vollkommen zu machen stellt sich allmählich raus, dass meine Bankkarte in Holland nicht funktioniert. Ausgerechnet hier, wo fast alles bargeldlos läuft. Gut, dass ich noch eine andere habe. Ich habe den guten alten Euroschecks schon manchmal eine Träne nachgeweint! Eine Freundin zuhause (die Bankerin meines Vertrauens) kümmert sich und lässt mir eine neue Karte machen und vorab nach Kiel schicken, zu einer dortigen Filiale der Bank.

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So., 16.05.10, Hindeloopen – Oudeschild (Texel)

So, jetzt will ich aber endlich mal richtig segeln! Ich brauche aber erst mittags los zu fahren. Bei dem guten Wind (W 4) bin ich in einer Stunde an der Schleuse zum Wattenmeer. Ich will mit der Gezeitenströmung und gegen den Wind nach Texel. Das ablaufende Wasser (Ebbe) schiebt mit 1-2 Knoten und hilft mir dadurch, trotz Kreuzen gut vom Fleck zu kommen. Wenn Wind und Strömung entgegengesetzt stehen gibt es zwar höhere und steilere Wellen, aber das kann das Boot ab. Trotzdem wird es eine ziemlich sportliche Veranstaltung! Ich hab hinterher mal nachgesehen, 27 Wenden, das geht unter diesen Bedingungen schon in die Arme! Zumal sich die Genuaschot (die Leine, mit der das Vorsegel jedes mal auf der neuen Seite stramm gezogen werden muss) bei jeder Wende vertüdelt und hängen bleibt. Im IJsselmeer (ja, das schreibt sich übrigens wirklich so) sind mir noch sehr viele Boote entgegen gekommen. Ab der Schleuse bin ich allein, allenfalls mal ein Fischerboot weit weg. Abends um halb sieben bin ich erstens in Oudeschild und zweitens platt. Das war der erste Tag, an dem ich nicht gefroren habe!

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Mo., 17.05.10, Texel, Hafentag
Der Hafen ist fast leer. Der Hafenmeister erzählt, dass am Wochenende noch 300 Boote da waren. Ich lasse es ruhig angehen, falte mein Fahrrad auseinander und fahre ins nächste Städtchen (Den Burg), ausgiebig bummeln. Gefährliche Geschäfte hier, ich könnte mich schwindelig kaufen, bleibe aber standhaft. Anschließend zurück zum Boot, spätes Mittagessen brutscheln und dann zur Verdauung eine Radtour über den Deich. Selbstverständlich auch noch ein paar kleine Basteleien am Boot… Es ist sonnig, aber der Wind wieder kalt.

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Di., 18.05.10, Texel – Terschelling

Da ich mich nach den Gezeiten richten muss fahre ich erst gegen zehn los. Die Route ist quasi eine Abkürzung ( via Scheurrak). Man hat nur in einem bestimmten Zeitrahmen vor und nach Hochwasser genügend Wasser unter dem Kiel. Das und die Strömungen muss man eben richtig berechnen, dann ist es ganz einfach. Meistens klappt es sogar… Es ist keine besonders spannende Strecke.

P1130096Als Einzige stören manchmal die Fischerboote ein bisschen. Auf sie muss ich Rücksicht nehmen und sie fahren völlig unberechenbare Kurse. Immer wieder interessant. Das Wetter spielt auch mit. Wind, Sonne, aber kalt. Kurz vor fünf laufe ich in den Hafen von Terschelling ein.

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Mi., 19.05.10, Terschelling, Hafentag

Vormittags mache ich einen Ölwechsel und wasche / trockne eine Maschine Wäsche. Mittags kommen Monika und Harald mich besuchen. Bei frisch sonnigem Wetter machen wir eine Radtour über die Insel. Ich habe den Eindruck, dass sie nicht zum letzten Mal hier sind. Aber beim nächsten Mal bestimmt wieder mit ihrem eigenen Boot!

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Do., 20.05.10, Terschelling – Nes (Ameland)

Wieder will ich die Route durch das Watt nehmen und muss mich deswegen nach den Gezeiten richten. Gegen elf geht es los. Die Sonne scheint, aber der Wind dürfte sich etwas mehr Mühe geben. Zunächst folge ich einem betonnten Fahrwasser. So ein richtiges normgerechtes Fahrwasser hat zu beiden Seiten Tonnen (was Landratten als Bojen bezeichnen würden). Auf einer Seite rote, auf der anderen grüne. Wenn das Fahrwasser zu einer weniger wichtigen Nebenstrecke wird, gibt es nur noch auf einer Seite Tonnen, in diesem Fall rote. Die führen einen schon hübsche Zickzack-Kurse. Und wenn man dann in den Bereich kommt, der bei Niedrigwasser fast oder ganz trockenfällt, gibt es gar keine Tonnen mehr.

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Dann sind da Pricken ins Watt gesteckt, um die fahrbare Route zu bezeichnen. Das sieht so aus wie Maibäume, nur kahler. Oft werden die abenteuerlichen Windungen dann noch ausgeprägter. Wenn man die Reihenfolge, in der man diese Tonnen oder Pricken „abhaken“ muss, falsch einschätzt und Abkürzungen fahren will hat man schnell mal verloren… Gegenüber den Angaben in der Seekarte hat sich einiges verändert, aber nicht dramatisch.

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An einer Stelle mäandert die Route dicht an einer Seehunds-Bank vorbei. Die Jungen sind wieder besonders neugierig und einige kommen das Boot besichtigen.

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Kurz nach vier ist Ameland erreicht. Der Hafenmeister hat keine Probleme, den Überblick zu behalten, außer mir sind nur drei weitere Besucher-Yachten da. Er erwartet mich schon auf den Steg und hilft mir beim Anlegen.

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Ameland ist ein paar Tage wert. Ich verbringe die Pfingsttage dort. Ich will mir diesmal Zeit nehmen, nicht nur die eigentlichen Häfen zu sehen, sondern etwas ausführlicher auch die Inseln und Orte. Das ist das Faltrad wieder mal praktisch. 30 oder 40 km hat man bei diesen Touren schnell zusammen.

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Mo., 24.05.10, Nes (Ameland) – Borkum

Kurz vor zehn geht es los, wieder wegen der Gezeiten. Diesmal will ich außen rum, durchs Watt ist zu flach für mich. Das ist zunächst mit Motoren verbunden, weil der Wind genau von vorne kommt. Außerdem muss ich durch das Seegat, wie man die Einfahrt zwischen zwei Inseln nennt. Dort baut sich schnell eine fiese Welle auf, vor allem wenn der Wind von See kommt und das Wasser ihm entgegen bei Ebbe abläuft. Heute ist das der Fall. Das bedeutet aber nur ein bis zwei Stunden ein wenig Achterbahn fahren, nichts Gefährliches. Mit ein oder zwei Windstärken mehr wäre es schon nicht mehr lustig. Aber wir haben Stärke 5, das geht noch.Weiter draußen auf See werden die Wellen länger und dadurch sanfter, mehr eine Dünung. Endlich geht auch Segeln. Nach ein paar Stunden taucht ein niederländisches Küstenwache-Schiff auf.

P1130227aEs setzt ein schnelles Beiboot aus, das einer englischen Yacht folgt, die weiter draußen fährt.Ich kann mir schon denken, dass ich der Nächste sein werde. So ist es auch. Das Schnellboot und sein Mutterschiff nehmen Kurs auf mich. Das Boot kommt während der Fahrt längsseits. Zwei Mann fragen höflich, ob sie an Bord kommen dürfen. Ich habe natürlich nichts dagegen, zumal ich währenddessen weiter unter Segeln Kurs halten darf. Ich schalte den Autopiloten ein und hole die Papiere. Eigentumsnachweis, Funkgerät-Lizenz, Nachweis über bezahlte Mehrwertsteuer, Personenüberprüfung und das war es auch schon. Das Boot kommt wieder längsseits, die beiden verabschieden sich höflich und weg sind sie.

P1130231aOffenbar macht es ihnen Spaß, mit dem Boot von Wellenkamm zu Wellenkamm zu springen… Abends um acht bin ich auf Borkum, im Schutzhafen. Das ist ein ehemaliger Marinehafen mit den entsprechenden Dimensionen. Selbst große Yachten wirken darin verloren. Auch Duschen und Toiletten sind noch auf Kasernen-Niveau…

IMG_0917Auch hier gönne ich mir einen Hafentag. Vom Hafen bis zum Ort sind es sieben Kilometer, so dass ich mit dem Rad auch genügend Bewegung bekomme. Bummeln, einkaufen, Friseur, der Tag ist schnell rum.

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Mi., 26.05.10, Borkum – Norderney

Diesmal muss ich früher los, also kurz vor neun, die Strecke ist hinsichtlich Tiefe etwa anspruchsvoller.

P1130277Der Prickenpfad beginnt auch schon ein paar hundert Meter vom Hafen entfernt. Nach ein paar Meilen kommen zu den Pricken sogar noch kleine rote Tonnen zu, welcher Komfort! Dann werden allerdings die seitlichen Abstände zwischen Pricken und Tonnen immer größer, so dass sie schließlich zwei sehr unterschiedliche Routen bezeichnen.Ich fahre vorsichtshalber langsamer, habe ständig ein Auge auf der Tiefenanzeige und halte mich mehr an die Pricken.Nach kurzer Zeit kommt mir ein Schiff entgegen, ein so genannter Tonnenleger.

P1130281Es ist die „Lütjeoog“, bei Seglern bekannt dafür, dass sie die aktuellsten Tiefeninformationen immer bereitwillig weiter gibt und man sie sogar per Handy anrufen kann. Hauptaufgabe des Schiffes ist es, Tonnen auszulegen, zu warten, einzusammeln und die Fahrwasser den sich ständig ändernden Bedingungen anzupassen. Die Lütjeoog wendet vor mir und wartet dann, bis ich nahe heran bin. Ich fahre langsam hin und spreche mit einem von der Besatzung. Er sagt, ich sollte die roten Tonnen vergessen, die wären nicht mehr gut, ich sollte so lange wie möglich den Pricken folgen. Sie würden gerade anfangen, die roten Tonnen einzusammeln.
Ich halte mich an den Rat und das Fahrwasser macht enge Kurven, die mit dem ursprünglichen Verlauf überhaupt nichts mehr zu tun haben. Aber alles läuft problemlos und vorübergehend bin ich in der Osterems und damit wieder in tiefem Wasser. Südlich von Juist kommt noch einmal ein Wattfahrwasser, aber tiefenmäßig nicht so knapp. Außerdem sind die Pricken dort schon durch rote Kunststoffpfähle ersetzt.

P1130289Kurz nach eins bin ich in Norderney und finde auch gleich eine freie Box. Norderney ist nicht so mein Fall. Ziemlich kurmäßig kommt es mir vor, jedenfalls im eigentlichen Ort. Man hat gar nicht so richtig ein Inselgefühl. Deshalb geht es auch am nächsten Tag gleich weiter.

 

Do., 27.05.10, Norderney – Helgoland

Ich fahre morgens um fünf los, um im Dovetief einigermaßen bei Stillwasser zu sein. Das ist der Wechsel von Ebbe zu Flut und umgekehrt, da ist die Strömung kurzzeitig ganz schwach, bevor sie die Richtung wechselt. Da der Wind mit 5 gegenan kommt, hätte ich sonst die unangenehme Strom gegen Wind-Situation. Und dafür hat Norderney zu Recht einen ziemlich miesen Ruf.

P1130333Als die Sonne hinter Norderney hoch kommt sind wir schon auf See, es hat recht komfortabel geklappt. Weiter draußen werden die Wellen zwar nicht niedriger, aber länger und angenehmer. Der Wind kommt natürlich aus der falschen Richtung, aber das Kreuzen macht bei diesen Bedingungen Spaß. Man muss bis zu einer bestimmten Tonne (TG 19) parallel zur Küste fahren. Der direkte Kurs nach Helgoland wird mit hohen Bußgeldern geahndet. Weiter draußen laufen, ebenfalls parallel zur Küste, nämlich die „Autobahnen“ der richtig großen Schiffe. Das sind Zwangswege, an die sie sich halten müssen. Pro Richtung ungefähr eine Seemeile (knapp zwei Kilometer) breit. Wir Kleinen dürfen solche Wege nur exakt im 90°-Winkel und so schnell wie möglich überqueren. An dieser Stelle jedoch erst östlich dieser bestimmten Tonne. Das „so schnell wie möglich“ ist auch so eine Sache.
Das Boot ist knapp 10 m lang, 5 (notfalls 7) Knoten schnell und hat einen Wendekreis und einen Bremsweg von 10-15 Metern, wenn es sein muss. Die großen Containerschiffe sind über 300 m lang, über 25 Knoten schnell und haben einen Wendekreis und Bremsweg von mehreren Kilometern. Und das auch nur grautheoretisch, denn bei 13 oder 14 Metern Tiefgang müssen sie sich an ihre Fahrrinne halten! Außerdem würde eine Vollbremsung ihre Maschine ruinieren. Man kann also nur zusehen, dass man denen nicht vor den Bug kommt.

P1130406Hier zur Abwechslung eine 120 m lange Mega-Yacht auf Probefahrt, der Name ist noch abgedeckt. Sie wird bald darauf Katara heißen, wenn ich nicht irre.
Unter diesen Bedingungen wäre Kreuzen Blödsinn, zumal der Wind sich hängen lässt. Ich versuche zwar noch ein paar Mal, zu segeln, aber der Rest bis Helgoland ist Motoren. Ich bin gegen halb sechs da und fahre gleich in das kleine Hafenbecken mit der Tankstelle (Bunkerstation). Diesel kostet hier zollfreie 99 Cent, da macht Tanken fast wieder Spaß.
Es ist eine Selbstbedienungs-Tankstelle. Nach dem Tanken muss man eine glitschige rostige Leiter hoch klettern, um zu bezahlen. Schließlich ist Niedrigwasser.Danach fahre ich wieder los, um zu meinem Liegeplatz im Südhafen zu kommen Nach dreißig Metern bleibt plötzlich der Motor stehen, dafür piepst der Alarm. Mist! Das kenne ich schon, ich habe etwas in die Schraube bekommen. Schnell die Genua (das Vorsegel) wieder hoch und damit lüge ich mich bei 0,2 Windstärken zurück zum Tanksteg. Der Tankmensch will mir wieder über Lautsprecher die Prozedur erklären, merkt dann aber dass ich doch gerade erst da war. Ich erkläre ihm, was los ist, aber er ist nicht wirklich interessiert.
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Ich versuche also, mit dem Bootshaken an das zu kommen, was da in der Schraube hängt. Es scheint viel zu sein, sehr viel. Keine Chance für mich. Das Wasser ist einigermaßen klar, so dass ich etwas sehen kann. Dann erscheint der Hafenmeister. Eigentlich um mich zu verscheuchen, denn dort darf man keinesfalls liegen bleiben. Er ist aber einsichtig und versucht über Handy einen Taucher zu erreichen. Der ist aber leider im Urlaub. Dann meint er, ich könnte es am nächsten Morgen mal beim nahe gelegenen Meeresforschungsinstitut versuchen. Die hätten Taucher, von denen mir vielleicht einer helfen würde. Bis dahin muss ich eben ausnahmsweise dort übernachten. Der Gedanke begeistert mich wenig, denn ohne Strom keine Heizung und nachts wird es arg schattig. Ich trabe zum Wassersportverein, erwische auch gerade noch zwei Leute. Die haben aber auch nur den Tip mit dem Taucher. Dem, der in Urlaub ist.
Bei dem Institut ist natürlich keiner mehr gewesen, schließlich ist es schon nach sechs. Dann sehe ich von weitem, wie jemand aus dem Institut kommt. Ich hetzte hinterher, aber als ich um die Ecke komme ist er weg. Also schleiche ich noch ein Zeit lang in der Nähe des Gebäudes rum. Nach einiger Zeit kommt ein junger Mann die Straße lang, den ich mir als Taucher vorstellen könnte. Ich quatsche ihn mal an. Ja, er ist Taucher, auf dem Weg in den Feierabend. Ich schildere mein Problem. Er zückt sein Handy und ruft seine Kollegin an, die noch im Institut ist. Dann schickt er mich zu ihr. Sie nimmt gleich alles in die Hand. Verschiedene Alternativen werden erwogen. Dann meint sie, es noch heute Abend arrangieren zu können. Der Taucher, den ich angesprochen hatte, erklärt sich bereit zu helfen. Die beiden machen alles klar, schleppen ihre (in meinen Augen) umfangreiche Ausrüstung heran und nach einer halben Stunde geht es los.
P5270402Er taucht unter das Boot während sie ihn mit einer Leine sichert.Dann passiert außer Luftblasen lange Zeit nichts. Der Taucher kommt gar nicht wieder hoch. Er muss eine gute halbe Stunde da unten gearbeitet haben. Schließlich taucht er auf und schiebt seine Beute an den Steg. Es ist ein mannsgroßes Büschel, dass seine Kollegin und ich kaum auf den Steg gezerrt bekommen. Unglaublich! Ich werde spontan zum Rekordhalter für Dreck in der Schraube ernannt.
IMG_0988Der Taucher geht nochmal runter und inspiziert die Schraube und den Antrieb. Es scheint alles gut gegangen zu sein. Als er endlich wieder auf dem Steg steht merkt man, dass er ziemlich fertig ist. Er erzählt, dass er manche Materialien in diesem Büschel kaum durchschneiden konnte. Für die beiden ist das, bis auf das Ausmaß des Büschels, Routinesache. Sie wollen noch nicht einmal Bezahlung dafür. Ein Obolus für die Kaffeekasse wird aber akzeptiert. So viel und schnelle Hilfsbereitschaft habe ich selten erlebt. Da wäre an manch anderem Ort ein fettes Geschäft draus gemacht worden. Ich probiere vorsichtig, es scheint alles wieder zu funktionieren. Endgültig wird sich das aber erst nach einiger Zeit herausstellen. Ich tuckere in den Südhafen. Wieder so ein riesiges Hafenbecken wie auf Borkum und auch hier kaum etwas los. IMG_0991So etwas schreit nach einem Hafentag. Bummeln, einkaufen und diesmal viel Vögel fotografieren. Die Bedingungen sind gerade so gut dafür. Wenn die Tagestouristen wieder weg sind ist Helgoland zu dieser Jahreszeit recht nett.

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Nachmittags geht noch eine holländische Yacht bei mir längs. Drei Herren an Bord, sehr höflich und nett. Abends zaubern sie auf ihrem Boot ein wenig. Musik aus ihrer Jugend. Laut, aber stilvoll. Stones, CCR und so. Die meisten Texte können sie sogar noch. Das Ganze aber irgendwie stilvoll, nicht so wie man es meistens mitbekommt. Und mir um Längen lieber als die ständige Beschallung mit Shanties, Hans Albers usw. Vor dieser Folklore hat man hier nämlich nicht mal unter der Dusche und auf der Toilette Ruhe…

 

Sa., 29.05.10, Helgoland – Cuxhaven

Ein Hafentag reicht aber auch! Kurz vor neun geht es los Richtung Elbe. Erst südliche Winde um 4, später schlapper und östlicher.

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Ein paar Kreuzschläge sind aber erst vor dem Vogelsand fällig. Auf der Elbe, wie üblich, viel Betrieb. Das Fahrwasser überquere ich bei erstbester Gelegenheit und halte mich dann möglichst außerhalb davon. Da ist Platz genug und der Flutstrom schiebt wieder üppig mit. Leider schläft der Wind zwei Meilen vor Cuxhaven ein. Trotzdem, es war der beste Segeltag bisher.

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Und nicht mehr ganz so kalt, man wird ja bescheiden!Abends treffe ich Segel-Bekannte, Hanse-Frank, Chris und andere, die ich bisher nur aus dem Internet kannte. Ein gepflegtes kleines Versacken auf seinem Boot stellt sich rasch als unvermeidbar heraus. Er ist auf dem Weg ins IJsselmeer, so dass ich mich dort später revanchieren werde…

 

So., 30.05.10, Cuxhaven – Rendsburg

Da ich den Flutstrom der Elbe abwarten muss kann ich erst ab elf los. Was an dem Tag nicht so ganz unpassend ist… Frank und Chris werfen meine Leinen los und dokumentieren die Abfahrt fotografisch.

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Statt passendem Wind gibt es Regen reichlich, mit schlechter Sicht. Dafür kann ich ohne Wartezeit mit etlichen anderen zusammen in die Schleuse Brunsbüttel.

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Diese Schleusen sind für große Frachter und dergleichen gebaut und entsprechend groß. Sportboote wirken darin etwas verloren. Vor allem gibt es keine vernünftigen Festmach-Möglichkeiten. Man muß an so einer Art Längs-Floß festmachen, das über die ganze Länge der Schleusenkammer eine Art Schwimmsteg bildet. Es besteht aus glitschigen Baumstämmen, auf denen ein kaum weniger glattes Metallgitter liegt.

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Zauberhaft. So tief kann man die Fender gar nicht hängen, dass sie da Wirkung haben. Einhand wird das Ganze natürlich noch netter…

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Kurz nach zwei bin ich durch die Schleuse und für kurze Zeit wird es geradezu sommerlich warm. Die Kanal-Fahrerei ist schlichtweg langweilig. 100 km bis Kiel, immer wieder entgegenkommende oder überholende Frachter und ab sechs Uhr der angesagte ergiebige Regen.

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Nachts darf man nicht fahren, deshalb mache ich viertel vor neun in der Schreiber-Marina bei Rendsburg fest. Es reicht auch, ich bin nass genug. Zum Glück finde ich noch eine versteckte freie Box mit Stromanschluss. So kann ich wenigstens meine Sachen etwas trocken heizen. Abendliches Heizen ist in den ersten drei Wochen sowieso abendliches Pflichtprogramm. Ich habe dafür einen kleinen Ölradiator, der mich aber abhängig von Landstrom macht.

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Mo., 31.05.10, Rendsburg – Kiel

Es hat die ganze Nacht weiter geregnet. Ich habe beschlossen, erst nach Abklingen des Regens weiter zu fahren. Mittags ist es soweit, die Sonne kommt sogar etwas heraus. Viertel nach drei bin ich durch die Schleuse in Kiel-Holtenau. Dort dauert es immer länger, weil alle an Land klettern und die Kanalgebühr bezahlen müssen.

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Gleich nach der Schleuse setze ich die Genua und mache den Motor aus. Ich will wenigstens mal ne Meile gesegelt sein an dem Tag. Sonne und N 4-5, wäre ja eine Schande um die schönen Segelbedingungen! Zunächst fahre ich „gleich um die Ecke“ zum Hafen Wik. Da finde ich aber keine passende Box zum einhand Anlegen.

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Da es an der Kieler Förde etliche Yachthäfen gibt, fahre ich zum nächsten, Düsternbrook. Nach ein bisschen suchendem Rumkurven finde ich dort eine Box.

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Zu lang für mich, das ist lästig. Dann dauert es, bis ich alle Leinen passend eingestellt habe. Der Boxnachbar, der zunächst hilfsbereit aussah, hat sich schnell wieder verkrümelt. War wohl nur Neugier. So was erlebt man leider immer häufiger.

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Der nächste Tag ist wieder ein Hafentag. Eine Maschine waschen und trocknen und vor allem in die City. Dort sollte bei einer bestimmten Filiale die neue Bankkarte für mich hinterlegt sein. Die Bankangestellte findet das zunächst recht ungewöhnlich, aber dann liegt die Karte tatsächlich an der Kasse für mich bereit. Danke nochmal für den besonderen Service! Auf dem Weg kann ich gleich eine Ikea-Tasche voll Leergut (Wasserflaschen natürlich) los werden. Beim Segeln ist das Pfand-Prinzip doch ziemlich lästig. Gut, dass man wenigstens in Holland und auf Helgoland noch Büchsengetränke ohne Pfand bekommt.

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Natürlich ist Kiel, vor allem die Promenade, auch ausgiebiges Bummeln wert. Der Tag ist sommerlich und halb Kiel scheint dort zu joggen. Schwitzen kann gut aussehen…

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Mi., 02.06.10, Kiel – Burgstaaken

Morgens um sieben los. N 3, schönes Rauskreuzen aus der Förde. An der engsten Stelle, Höhe Laboe, kommt schneller Fährverkehr aus beiden Richtungen, so dass ich mich aus dem Fahrwasser raushalten will.

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Ich rolle die Genua ein und will eben einen Moment mit dem Motor gegen den Wind tuckern, bis die Großen vorbei sind. Gute Idee, bloß – der Motor startet nicht, kein Pieps. Na gut, auch nicht schlimm, ist ja ein Segelboot. Also kreuze ich nur mit dem Großsegel zwischen der Untiefe vor Laboe und dem Fahrwasser auf und ab. Da hat man nur ein paar hundert Meter Platz. Ich halte immer ein Auge auf dem Echolot und trotzdem rumpelt es plötzlich zweimal, aufgesetzt. Der Tiefenmesser behauptet weiterhin 2.5 m. (Das Boot hat 1.3 m Tiefgang). Jetzt müsste man mal eben schnell den Motor anwerfen können! Stattdessen die Genua wieder raus, damit sie hilft uns von der untiefen Stelle runter zu drehen. Klappt auch und ich lasse sie beim weiteren Kreuzen doppelt gerefft stehen. Dadurch habe ich bessere Sicht und sie kommt beim Wenden leichter rüber. Bald haben wir etwas mehr Platz, dafür ist nun auch außerhalb des Fahrwassers Verkehr. Fischerboote, kleiner Berufsschiffe usw. Also noch keine Muße, Ursachenforschung wegen des Startproblems zu betreiben. Ich werde sowieso auf jeden Fall nach Heiligenhafen fahren, auch ohne Motor. Eventuelle Probleme können dort genau so gut wie in Kiel behoben werden. Nach einiger Zeit wird es verkehrsmäßig etwas ruhiger und ich kann mal unten im Motorraum nachsehen, was los war. Glück gehabt, der simpelste denkbare Fall: ein Kabel an der Starter-Batterie hat sich gelöst. Reparieren geht erst mal noch nicht, ich sichere es provisorisch.

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Das Sicherungsboot „Baumholder“ der Bundesmarine kommt nämlich angerauscht und fährt parallel. Über Lautsprecher teilen sie mit, dass heute Übungsschießen auf größere Distanz (7 sm) stattfindet und ich deshalb bestimmte Kurse fahren muss um das Übungsgebiet zu umfahren. Aye aye, wird gemacht! Dann rauscht das Schiff ab zur nächsten Yacht. Endlich kehrt mal Ruhe ein, es segelt sich schön und ich kann das Batterieproblem beheben. Mittags lässt der Wind sich vorübergehend hängen, brist dafür nachmittags richtig schön auf. Windstärke 5 aus bequemer Richtung, Sonnenschein, was will man mehr?

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Heiligenhafen wird spontan gestrichen, ich rausche noch ein bisschen weiter, unter der Fehmarnsund-Brücke durch. Es macht gerade einfach zu viel Spaß! Ich fahre in den Stadthafen Burgstaaken.

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Die Marina kurz davor spricht mich nicht so an.

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Der Yachthafen in Burgstaken ist allerdings ein Witz, was festmachen angeht! Für die Vorleinen sind rostige Ringe auf den Stegen vorhanden. Dann gibt es seitlich so eine Art Steg. Höchst wackelig und etwa 10 cm breit. Am Ende davon ist ebenfalls so ein Ring für die Heckleine.

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Ein freundlicher Segler hat mich angenommen und kümmert sich erst mal um die Vorleinen. Ich balanciere über diesen „Steg“ freihändig nach achtern, um die Heckleine fest zu machen. Unfallfrei, einfach nicht dran denken… Wie das bei viel Wind gehen soll mag ich mir nicht ausmalen. Der Ort selbst ist sehr überschaubar und schlicht.

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Do., 03.06.10, Burgstaaken – Warnemünde

10 Uhr los, NNW 3, nachmittags NW 2. Erster richtiger Sommertag, aber der Wind noch kalt.

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Bequemes Segeln. Gegen halb sieben laufe ich in Warnemünde ein. Ich suche erst nach einem Liegeplatz im Stadthafen.

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Ich finde aber nichts Passendes. Zum Glück, wie ich am nächsten Tag sehe. Also ab in die daneben gelegene Marina Hohe Düne. Da sind noch jede Menge freie Liegeplätze.

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Ich drehe eine Besichtigungsrunde und suche mir dann einen aus. Die Marina ist auch Tagungszentrum, Nobelhotel usw. Im Büro des Hafenmeisters fällt mir sofort ein, dass ich meinen blauen Club-Blazer vergessen habe. Den mit den Goldknöpfen mit Anker darauf… Alles ist auf edel getrimmt, zum Glück auch die sanitären Anlagen. Und dabei ist es mit 15 Euro sogar günstig! Es war der erste Tag völlig ohne Segelanzug!

Ich bleibe zwei Tage, weil ich mir Rostock ansehen will. Von der Stadt hatte ich mehr erwartet, was historische Substanz angeht.

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In Warnemünde liegen zwei „Traumschiffe“ gleichzeitig, Aida Blu und ein noch etwas Größeres.

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Das bedeutet, dass etwa 5000 Touristen losgelassen sind. Diesmal viele Amerikaner und Spanier dabei. Warnemünde ist im Hafen- und Strandbereich eine einzige Kirmes! Darin ein Liegeplatz, das wäre nichts für mich gewesen.

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Am Abend des zweiten Tages laufen die beiden Schiffe aus. Das ist jeweils wieder ein Event für sich. Die lokalen Ausflugsdampfer sind vollgepfropft mit Schaulustigen und begleiten die Großen nach draußen.Das Ganze untermalt vom üppigen Gebrauch sämtlicher Schiffshörner. Die beiden großen Schiffe haben schon einen sehr eindrucksvollen Sound!

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Später am Abend gibt es an der Binnenseite des Hafens noch ein aufwändiges Feuerwerk. Ach ja, das war auch schon wieder ein richtig sonniger Sommertag!

 

 

Sa., 05.06.10, Warnemünde – Kloster (Hiddensee)

Weil es ein langer Schlag ist fahre ich früh los, um sechs. Leider dauert es fast bis elf, bevor sich brauchbarer Wind einstellt. Hinter Darßer Ort mache ich noch einen Schlenker, um mir Zingst anzusehen und will dann nördlich um Hiddensee rum. Plötzlich dichter Nebel! Ich bin zum Glück abseits viel befahrener Routen. Wenn der Nebel richtig dicht ist gebe ich mit der Pressluft-Tröte Signale. Die wollte ich immer schon mal ausprobieren. Klingt stark nach Fan-Kurve… Antworten höre ich nicht.

P1140220Nur einmal kommt eine andere Yacht durch den Nebel geballert, unter Motor. Vielleicht verlässt er sich auf sein Radar.Nach fast zwei Stunden ist der Spuk allmählich vorbei und die Küste wird wieder sichtbar.Zuerst der Leuchtturm Dornbusch, über dem Dunst taucht er auf. Schönes Bild.

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Gegen drei muss ich mangels Wind den Motor zusätzlich mitlaufen lassen und bald die Segel ganz einholen. Ich biege in das Libben-Fahrwasser ein, hübsch eng ist das hier alles! Eigentlich wollte ich nach Vitte. Im letzten Moment überlege ich es mir spontan und will es erst mal im viel gelobten Kloster versuchen. Ich habe dort Glück. Der Hafenmeister gibt mir einen Platz unmittelbar an der Anlegestelle der Wassertaxen.

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Eigentlich der perfekte Herrentörn-Platz. Direkter Zugang zur Hafenbar und der Keramik, d.h. den sanitären Anlagen. Freier Blick auf die sehenswerte Eignerin der Hafenbar sowie sämtliche ankommenden und abreisenden Touristinnen und Touristen. Auch so eine Art Kino, wenn man hört, wie Vatter seiner Familie fachmännisch mein Boot erklärt… Für die Nichtherrentörner ist es einfach die Lage mitten im schönsten Teil von Hiddensee, die lockt.

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Dornbusch, Höhenweg, Kloster selbst, alles zu Fuß bequem erreichbar. Vitte und der südliche Teil von Hiddensee taugt für einen Ausflug mit dem Rad, kann aber der Nordspitze nicht das Wasser reichen.

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Jedenfalls war hier ein Hafentag Pflicht, zumal auch richtiges Sommerwetter herrschte. Die Touristen knubbelten sich, wie in vielen Orten, an einigen wenigen Stellen. Wenn man sich nur wenig von diesen ausgetretenen Pfaden weg bewegt, hat man es schön ruhig.

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Hiddensee könnte ich mir auch für einen Urlaub ohne Boot vorstellen, so zum Runterkommen.

 

Mo., 07.06.10, Kloster – Stralsund

Nachts und morgens heftiger Regen. Ich will sehen, dass ich nach Stralsund motore, denn für später am Tag sind W 6-7 angesagt. Ich warte den Regen ab und diesele gegen elf los. Zunächst SW 2, dann 3 mit Nieseln, dann 4-5 mit Regen, ab halb zwölf 5-6 mit heftigem Regen und verwehter Gischt. Mist, genau dem hatte ich zuvorkommen wollen! Immerhin sind der heftige Wind und Regen warm. Der Wind geht hoch auf 6-7, zeitweise 8.

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Es baut sich jedoch keinen ernsthafte Welle auf. Bei der richtigen Windrichtung könnte es also ein geiles Segeln sein. Für mich kommt der Wind jedoch fast von vorne. Außerdem ist die Sicht oft schlecht und vor allem sind die Fahrwasser an vielen Stellen eng. An manchen Stellen würde ich die Breite anhand der Tonnen auf 30 oder 40 m schätzen, wenn nicht weniger. Natürlich kommen einem an solchen Stellen die Fähren entgegen, Ehrensache. Dann reduziert sich die Breite auf gefühlte 15 m!Nach einer Stunde nimmt der Wind auf gute 6 ab, der Regen hat auch aufgehört. Ausgerechnet in den flachen Boddengewässern hatte ich die bisher nasseste Fahrt!

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Pünktlich zum Einlaufen in Stralsund um zwei regnet es dann natürlich wieder und hält den Nachmittag an. Die Silhouette von Stralsund ist auch bei Dunst eindrucksvoll. Ich nutze das fiese Wetter, um eine Maschine zu waschen und zu trocknen. Was mir in Stralsund, besonders in dieser Marina, auffiel war das Verhalten der Mitmenschen. Ich wurde von Entgegenkommenden weder angesehen noch gegrüßt. Wenn ich gegrüßt habe, wie ich es üblich finde, blieb der Blick entweder starr geradeaus oder ich wurde angesehen als ob ich ein unsittliches Angebot gemacht hätte. Zunächst hielt ich das für Einzelfälle, aber es scheint hier die Regel zu sein.
Als es später am Nachmittag aufgehört hatte zu regnen bin ich in die Stadt gegangen, um zumindest schon mal einzukaufen.

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Es zeigte sich aber rasch, dass auch hier ein Hafentag fällig war. Die Stadt war ungefähr so, wie ich es in Rostock vergeblich erwartet hatte. Ich muss allerdings zugeben, dass meine Vorstellungen von Gebieten und Städten in den neuen Bundesländern ziemlich rudimentär sind…Ich brauchte die Kamera gar nicht mehr weg zu packen, obwohl ich mich vorwiegend auf städtebauliche und architektonische Motive konzentriert habe. Die interessant aussehenden maritimen Museen und Ausstellungen habe ich mir (diesmal) verkniffen, weil da gerade Mengen von Schulklassen, Rentnern und anderen großen Gruppen durchgeschleust wurden.

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Mi., 09.06.10, Stralsund – Lohme

Nachts hat es kräftig geregnet. Die Eisenbahnbrücke in Stralsund macht nur fünf Mal am Tag auf, jeweils für 20 Minuten. Für mich am günstigsten ist der Termin um 08.20. Vorher muss ich noch zum Hafenmeister, meine Card abrechnen und zurückgeben. Dann zur Tankstelle fahren, das ist zwei Hafenbecken weiter. Da macht gerade ein Polizeiboot zum Bunkern fest. Sie lassen mir aber den Vortritt, damit ich die Brückenöffnung schaffe.

P1140549Pünktlich zur Brückenöffnung bin ich fertig mit allem. Als erster darf ein Frachter durch, dann etliche Yachten. Selbstverständlich kommt der Wind von vorn. Ich verkneife mir Kreuzen, weil ich heute doch einige Strecke vor mir habe. Im Greifswalder Bodden lässt die Windrichtung segeln zu, aber es ist bei schlappen zwei Windstärken mühsam und reicht nicht für Vorwind-Kurse. Also muss nach einer Stunde doch der Motor wieder ran. Es folgt ein Wechsel von Motoren und Segelversuchen, aber zwei Drittel der Strecke sind letztlich doch Motorfahrt.

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Weil es zunehmend diesig wird, ist auch der Blick auf die Kreidefelsen am Königstuhl nicht berauschend. Lohme ist so ein putziger kleiner Hafen, dass man schon beim Einlaufen schmunzelgute Laune hat.

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Die Boxen sind allerdings sehr lang. Mein Boxennachbar beschränkt seine Hilfe auf Kommentare. So brauche ich einige Zeit, bis ich alle Leinen in der richtigen Länge und belegt habe. Meine Lassowurf-Versuche über den vier Meter entfernten Heck-Pfahl werden von den Schaulustigen begeistert kommentiert.

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Hier scheint sonst nicht viel los zu sein. Als ich es, wie angekündigt, im dritten Versuch schaffe gibt es einhelligen Applaus von der Terrasse des Café Niedlich.
Der Mini-Hafen liegt nämlich verträumt am Fuß eines 60 m hohen Steilhangs. Eine Holztreppe mit 224 Stufen führt hinauf in den Ort. Auf nicht einmal halber Höhe ist ein Absatz mit dem legendären Café Niedlich.

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Hier ist wieder ein Hafentag geplant, um mit dem Rad zu den Kreidefelsen am Königstuhl zu fahren. So mache ich es auch. Allerdings sind die Waldwege im Nationalpark für Fahrräder ausdrücklich nicht gedacht. Es nieselt ab und zu und beginnt dann, zu regnen. Ich schaue mir das Zentrum gründlich an. Dann stelle ich vom Königstuhl aus fest, dass es ausgeprägt nebelig ist. Gut, dass ich heute nicht fahren wollte. Der Abstieg zum Fuß der Kreidefelsen geht über eine Holztreppe mit 412 Stufen. Es lohnt sich aber. Auf der Rückfahrt verkneife ich mir weitere Sehenswürdigkeiten, weil es wieder nach Regen aussieht. Fast hätte ich es geschafft, erst auf den letzten Metern erwischt mich der Regen im Hafen noch. Für die nächsten Tage ist ungemütlich viel Wind vorhergesagt. Deshalb will ich wenigstens noch einen Hafen weiter, wo ich weniger Stufen und mehr Möglichkeiten an Land habe.

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Fr., 11.06.10, Lohme – Glowe

Ich bin sehr früh auf, aber es ist wieder dicht nebelig.

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Gegen 10 fahre ich los. Von See her kann man sehen, dass „nur“ eine Nebelbank dicht unter der Küste liegt. Weiter draußen ist es klarer.

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Ich will nur die sechs Meilen bis Glowe motoren, denn es ist wieder mal kaum Wind. Nach drei Meilen komme ich in ein ordentliches Gewitter. Es war früh genug zu erkennen, so dass ich mir den Segelanzug anziehen konnte.
Handy, Handfunke und Navi kommen in den Backofen, wo sie angeblich blitzresistent untergebracht sein sollen. Das Gewitter bringt heftigen Regen und eine weiche mitlaufende Halbmeterdünung, aber kaum Wind.

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In Glowe helfen mir gleich drei Leute beim Festmachen. Nach dem Gewitter ist es nachmittags sommerlich heiß. Abends nimmt der Wind zu auf 5-6 und es gibt ein weiteres Gewitter. Später am Abend dreht der Wind noch weiter auf, 6-7 mit Böen bis 40 Knoten. Der Wind kommt quer und die paar Schiffe im Hafen liegen recht ungeschützt. Mit dem letzten Licht lege ich noch zusätzliche Luvleinen, denn es pfeift recht ernsthaft.

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Die paar Boote, die noch reinkommen, haben es nicht einfach beim Anlegen und sind froh über Hilfe. Am nächsten Tag pfeift es weiter, niemand mag auslaufen.

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Auch für mich Hafentag. Wieder mal Hausarbeit und am Boot basteln.Nachmittags mit dem Rad nach Breege. Im dichten Kiefernwald merkt man nicht so viel von dem Wind. Glowe ist ein gepflegter kleiner Ort mit Kurcharakter. Und einem großen Supermarkt (Netto), der täglich und üppig geöffnet hat.Es gibt sogar WLAN, 24 Std. für 5 Euro. Eine gute Gelegenheit, endlich Blog und Webalbum zu aktualisieren. Allerdings hacke ich bei dem unruhigen Liegen immer wieder auf die falschen Tasten. Wieder legt der Wind abends noch einen drauf. Auch Sonntag ist es mir (und den meisten anderen) noch zu ungemütlich zum Auslaufen. Der Wind gibt noch nicht auf.

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Mo., 14.06.10, Glowe – Ystad

Eigentlich wollte ich nach Bornholm und vorher einen Schlenker an Kap Arkona vorbei. Deshalb ging es schon um sechs los. Leider war der Wind arg schlapp. Für einen Kurs annähernd vor dem Wind reichte er nicht, mit halbem Wind ging es soeben.

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Nach Bornholm motoren wollte ich keinesfalls, dann lieber nordwärts nach Schweden. Zunächst mal habe ich also einen nördlichen Kurs gehalten, der für beide Ziele nicht verkehrt war. Gegen zehn dann der Entschluss, nach Schweden abzubiegen. Nachmittags legte der Wind zu, erst 3, dann 4, also ideale Bedingungen. Um sechs sind wir in Ystad. Vor dem Hafen steht eine fiese Querwelle. Die Sorte, die das Boot 30 Grad nach jeder Seite krängen lässt.

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Da mache ich Leinen und Fender lieber im Hafen klar, auch wenn es dort dafür ein bisschen eng ist. Bezahlt wird im Hafenrestaurant, zu den sanitären Einrichtungen, die ansonsten eher schlicht sind, gehört ganz selbstverständlich eine ständig geheizte Sauna. Abends gehe ich mir die Stadt ansehen. Man merkt, wenn es ein paar hundert Jahre keinen Krieg gegeben hat. Das Stadtbild ist entsprechend schön. Auf dem Platz neben dem Hafen wird gerade eine große Kirmes aufgebaut, nichts wie weg hier!

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Di., 15.06.10, Ystad – Rönne

Der Wind hat mir gesagt, dass ich jetzt doch nach Bornholm fahren soll! Da es nur rund 35 Meilen sind brauche ich nicht so früh los. Hat auch seine praktischen Seiten, sich nicht nach Gezeiten und Strömungen richten zu müssen wie in der Nordsee! Halb zehn los, SW 3, der sich zeitweise auch zu 4-5 aufrappelt und westlicher kommt. Den ursprünglichen Zielhafen Hasle kann ich so nicht anliegen, also ab nach Rönne. Es ist eine herrliche Rauschefahrt, dauerhaft die 6 oder 7 vor dem Komma der Geschwindigkeitsanzeige, die Wellen runter auch die 8. Das ist zu viel für den Autopilot, er schafft es zwar, aber das muss nicht sein. Nach drei Stunden also genug Spaß gehabt. Zwei Reffs ins Groß kosten uns einen Knoten, aber es ist wieder entspanntes Reisen. Beim Segelbergen vor Rönne zeigt sich, dass der Autopilot (er hat auf auf diesem Boot übrigens keinen Namen) beleidigt ist. Er lässt sich nicht mehr auskuppeln. Das macht das Steuern sehr schwergängig und mühsam. Hört sich auch nicht gut an. Vor Rönne steht auch so eine Schlinger-Welle, deshalb mache ich draußen keine Reparaturversuche. Allerdings will ich angesichts der begrenzten Steuerbarkeit trotz der Welle Fender und Leinen diesmal vor dem Einlaufen klar haben. Dabei geht mir ein Fender über Bord. Ich mache zwei Versuche, ihn wieder zu bekommen. Mit dieser Steuerung und immer näher an den Felsblöcken der Hafenmole macht es aber wenig Sinn und ich laufe ein.

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Ich mache erst mal einfach längs fest und baue Steuerung und Autopilot auseinander. Wie funktioniert das überhaupt, wo liegt das Problem, was kann ich selbst reparieren? In der Hoffnung, das Funktionsprinzip richtig interpretiert zu haben versuche ich eine Reparatur und baue alles wieder zusammen. Schauen wir mal am nächsten Segel-Tag… Dann versuche ich, von Land aus nach dem Fender sehen. Aus der Nähe stellen sich die Felsblöcke allerdings als groß und sehr zerklüftet heraus. Keine Chance. Beim weiteren Vordringen werde ich dann zunehmend von Möwen angegriffen. Offenbar brüten sie dort irgendwo. Das ist nicht sehr lustig, denn sie machen Sturzflugangriffe gegen den Kopf und hacken auch schon mal im Vorbeiflug. Na gut, muss man respektieren.

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Der nächste Tag ist sonnig und schwachwindig vorhergesagt. Außerdem ist Rönne sowieso mindestens einen Hafentag wert! Ich packe das Rad aus und sehe mir Rönne abseits der üblichen Touri-Strecken an. Einfach schön! Bei der Gelegenheit will ich einkaufen, muss mir aber erst mal dänisches Geld besorgen. Wie war das doch gleich, hatten die den Euro oder nicht? Das war doch vor Jahren mal was mit Volksabstimmung, EU, Euro und so. Es stellt sich heraus, dass die Dänen ihre Kronen behalten, aber fest an den Euro gekoppelt haben. Mittlerweile ist leichter Wind aufgekommen, aber der ist frisch. Kurze Hose und kurze Ärmel müssen doch wieder Jeans und Strickjacke weichen, als ich den Einkauf zum Boot bringe.

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Anschließend mache ich eine Radtour, teils durch das Inselinnere, teils an der Küste entlang, bis Hasle und zurück. Zwischen Rönne und Hasle gibt es ausgedehnte Waldgebiete, die bis an den Strand reichen. Der Strand ist immer wieder auf kleinen Wegen zugänglich. Er bietet jede Menge Einsamkeit, ganz feinen und sehr weißen Sand sowie klares Wasser. Dazu das besondere Licht des Nordens, das auf Fotos und Gemälden kaum darstellbar ist. Das Wasser zeigt die ganze Farbpalette von grün über aquamarin bis zu allen möglichen Blautönen.

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Ich bin begeistert! Bornholm hat beste Chancen, zu meiner neuen Lieblingsinsel zu avancieren. Bisher kannte ich Bornholm nur aus der Charterperspektive, also in gehetzt gehalten, Hafen, Keramik, Gastronomie und Pflicht-Sehenswürdigkeiten im Schnelldurchgang. Bestenfalls, wenn überhaupt. Da war mir das überhaupt nicht aufgefallen. Aber das war schon an etlichen Orten so. Allerdings sind so ausgiebige Touren zu Fuß oder per Rad auch nicht jedermanns Sache. Ist mir nur recht so. Touris sind ja schließlich immer nur die anderen…

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Do., 17.06.10, Rönne – Hammerhavnen

Heute will ich nur die Westküste von Bornholm hoch bummeln und mir das alles noch einmal vom Wasser aus ansehen. Eigentlich hatte ich noch die Erbseninseln angedacht. Aber ist ja eigentlich Quatsch, bloß um mal dagewesen zu sein. Nach den bisherigen Eindrücken will ich mir Bornholm lieber noch etwas intensiver ansehen.

P1140966P1140970P1150006P1140979-002Nach einigen Meilen streckt sich der Autopilot wieder. Er hatte auch schon etwas andere Geräusche gemacht als sonst, angestrengter. Diesmal bin ich vorbereitet und entkoppele ihn erst mal von der Steuerung. Ich entschließe mich spontan, in Hammerhavnen einzulaufen. Das ist ein ganz kleiner Hafen unterhalb der Festungsruine Hammerhus.

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Die romantische Lage hat mir im Vorbeifahren gleich gefallen.Bezahlt wird am Kiosk bei Marie, der zuständige Automat ist nämlich wegen Defekt abgebaut. Zuerst die Pflicht: Steuerung und Autopilot wieder auseinanderrupfen und was Neues probieren. Aha, die Reparatur von gestern hat gehalten. Also noch was Anderes ausprobieren. Gut, dass ich noch ein paar Sicherheitsnadeln gefunden habe, aus denen ich ganz dünne Bolzen und Splinte basteln kann. Das Innere des Autopiloten ist an wichtigen Stellen nämlich überraschend feinmechanisch. Dann wieder alles zusammenbauen und der erste Eindruck ist gut.

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Dann die Kür, heute mal zu Fuß. Ich wandere den Küstenweg rund um die Nordspitze von Bornholm entlang, bis Sandvig, Anschließend quer über die Insel zurück. Die Strecke wird als sehr anstrengend beschrieben, was nicht ganz verkehrt ist. Auf weiten Strecken ist der Weg eher für Ziegen als für Menschen geeignet. An einem steilen Anstieg liegt ein stabiles Seil auf dem Boden, um sich festhalten zu können. Vereinzelt sind Holztreppen vorhanden oder in den Fels geschlagene Stufen. Aber, auf eine ganz andere Weise als weiter im Süden der Insel, ist es wieder unglaublich schön. Diesmal eine schroffe felsige Küste statt Strand, aber wieder ein unglaubliches Spektrum von Blau- und Grüntönen. Zusammentreffen von Meer und Land in einer Art, wie ich es sonst kaum so gesehen habe.

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Auf den höher gelegenen Ebenen überall Schafe. Auf dem Rückweg komme ich am Hammersee und dem Opalsee vorbei. Wieder atemberaubende Ausblicke. Es handelt sich zum Teil um einen alten Granit-Steinbruch, für den auch der Hammerhavnen ursprünglich gebaut worden war. Übrigens, dies ist ein richtiger Sommertag, jawohl! Sandalen, kurze Hose, Polo, hatte ich das in diesem Urlaub überhaupt schon mal? Und nicht zu vergessen eine Kopfbedeckung, für den Breitscheitel.

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Dann geht es am Hafen vorbei in die andere Richtung, zum Hammerhus, der alten Festung. Mittlerweile ist es fast Abend, so dass nur noch eine Handvoll Touris dort sind. Die Burg ist eindrucksvoll, auch wenn nicht viel übrig geblieben ist.Aus mancher Perspektive fällt es nicht schwer, Assoziationen mit alten Sagas und Geschichten zu haben.

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Für den nächsten Tag gibt es eine Wetterwarnung, für Wind 6-7. Auch der „normale“ Wind soll 5 haben und vor allem Schauerböen. Ich habe da keine Lust zu. Ich will jetzt Sommersegeln und keinen Segelanzug, frieren und all das! Ich kann mich mühelos zu noch einem Bornholm-Tag überreden. Morgens ist es auch dunstig und grau in grau, tatsächlich W 5. In den Hafen drückt ganz hübsch Schwell hinein und bringt das Boot in Bewegung. Ich erledige ein paar Arbeiten am Boot, bringe meinen Blogtext aufs Laufende und mittags scheint es auch allmählich wieder freundlicher zu werden. Ich mache mich auf die Socken, wieder zu Fuß. Da waren gestern etliche Stellen, die ich mir noch mal genauer ansehen will. Außerdem muss ich unbedingt ein bisschen in den Felsen rumklettern, dafür waren die Sandalen gestern denkbar ungeeignet. Nachmittags reißt die Bewölkung auch auf, die Sonne scheint wieder, bloß der Wind lässt allenfalls sehr allmählich nach.

 

Sa., 19.06.10, Hammerhavnen – Ystad

WSW 3-5, gutes Segeln, aber wieder den ganzen Tag im Segelanzug wegen des kalten Windes.

 

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So., 20.06.10, Ystad – Klintholm

Morgens um acht bin ich wieder ohne festes Ziel losgefahren. Zunächst die schwedische Südküste entlang gebummelt, südliche Winde 3-4. Mittags entschließe ich mich, einen langen Tag zu machen und direkt nach Dänemark durch zu fahren. Es ist angenehm mild und sonnig. Zunächst ist Rödby angedacht. Dann dreht der Wind aber etwas, so dass ich direkt Kurs auf Klintholm nehme.

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Gegen vier bleibt der Wind weg, so dass ich die restliche Strecke doch wieder motoren muss. Abends wird es so kühl, dass der Segelanzug ran muss. Außerdem kann man ringsumher einzelne Schauern sehen. Immerhin ist das im Zusammenspiel mit den Kreidefelsen von Klintholm ein grandioser Anblick.

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Hatte ich schon erwähnt, dass die Kreidefelsen von Arkona, Königsstuhl und auch Klintholm den englischen Klippen nicht das Wasser reichen können? Sie sind bei weitem nicht so imposant und auch wesentlich gelblicher in der Farbe.

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Abends um halb zehn bin ich in Klintholm. Sowohl hier als auch an der schwedischen Südküste muss man sehr aufpassen, denn die Stellnetze ragen bis zu einer Seemeile ins Meer hinein. Und ein Fischernetz in der Schraube wäre das letzte, was ich brauche.

 

Mo., 21.06.10, Klintholm – Vordingborg

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Heute möchte ich mal keinen kalten Wind haben. Der Tag beginnt auch brav mit Sommersegeln, also kaum Wind, dafür aber Sonne und warm. Ich hangele mich mit abwechselnd Segeln und Motoren zum Grönsund und fahre ihn im gleichen Stil hoch.

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Nachmittags kommt endlich Wind auf, NW 4. Ich habe aber heute keine Einstellung zum Kreuzen in engen Gewässern. Es ist einer der weniger sportlichen Tage. Vordingborg sieht von weitem ganz nett aus, so dass es zum Tagesziel erkoren wird.

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Ein paar hundert Meter vor dem Hafen gibt es noch eine kräftige Regenschauer. Man muss höllisch aufpassen, es ist überall untief und stark verkrautet. Der Autopilot zickt auch wieder, er springt immer wieder unerwartet raus. Ich habe immer noch Probleme mit dem geschwollenen Fußknöchel. Laufen ist gut, Stehen Gift. Also ab ins Städtchen. Hoffentlich habe ich mir bloß irgendwo eine Prellung gefangen und keinen Zeckenbiß. Vordingborg ist so mittelnett.

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Di., 22.06.10, Vordingborgh – Vejrö

Heute ist der Wind gut zu mir, meist um 3. Natürlich kommt er ziemlich von vorne, aber dafür kann ein Segelboot ja kreuzen. Dazu den größten Teil des Tages sonnig. Abends ziehen Wolken auf. Meistens reicht es, alles regenklar zu machen, damit es trocken bleibt. Wie zuhause mit dem Regenschirm…Vejrö ist eine kleine Insel mit einem ziemlich neuen Hafen. Schon an der Hafeneinfahrt sind gut sichtbar die völlig überhöhten Preise angeschlagen.

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Man scheint nicht wirklich Wert auf Besucher zu legen. Die Insel wirkt eher privat. Alles etwas vordergründig auf öko getrimmt, aber eine Landepiste für Flugzeuge… Für irgend jemand wird das so schon Sinn haben.

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Mi., 23.06.10, Vejrö – Strynö

Es ist recht warm, viel Sonne und der Wind zwischen 2 und 4. Allerdings nervt er abschnittsweise durch ständig wechselnde Richtungen und Stärken.

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Wenn man sich an bestimmte Fahrwasser halten oder zwischen Untiefen hindurch muss, ist das nicht lustig. Außerdem ist längs der Insel Langeland mal wieder so eine „Autobahn“ der Großschifffahrt. Stark befahren, aber erfreulich schmal und zügig zu überqueren.

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Ich umrunde die Nordspitze von Langeland und fahre an der Westseite wieder runter. Jetzt sind die Bedingungen angenehm und wir kommen gut vom Fleck. Abends, in der sehr engen Fahrrinne vor Rudköbing, gibt es bis zu drei Knoten Gegenstrom. Er kommt mal mehr von der einen, dann von der anderen Seite, so dass man mächtig aufpassen muss. Heute bin ich wieder sportlicher gestimmt und versuche, so lange wie möglich nur mit Segeln auszukommen. Dass hier überhaupt so viel Strömung ist hatte ich ganz vergessen. Und das, wo dies mal mein Hausrevier war…
Unter der Brücke muss der Motor dann doch für zwei Meilen mithelfen, der Wind ist da zu abgeschwächt. Die restlichen zwei Meilen bis zu der kleinen Insel Strynö wird aber weder pur gesegelt. Siehe da, Strynö hat eine Erneuerung des kleinen Hafens bekommen! Dazu beispielhafte sanitäre Anlagen. Auch sonst hat auf der Insel ein wenig die Moderne Einzug gehalten, schade. Die niedrige, dunkle und gemütliche Eßkneipe Alte Schmiede ist jetzt ein helles Restaurant. Im neuen Museum steht kein Einmachglas mehr für den Obulus, in der Dusche stößt man nicht mehr auf ein frisch eingesalzenes Schaffell. Aber trotzdem ist es ein schönes Inselchen geblieben.

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Do., 24.06.10, Strynö – Söby

Jetzt ist es ein Heimspiel, die Gegend kenne ich von früher recht gut. Es ist der erste richtige Sommertag mit sogar warmem Wind und Sonne! Da verzeiht man auch die etwas schlappe Windstärke. In Söby hat sich nicht viel geändert. Abends kommen Blümchen und Werner auf einen Besuch vorbei.

 

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P1150588Ich habe im Moment keine rechte Einstellung zu Sightseeing und Fotografieren. Wahrscheinlich Übersättigung. Allmählich muss ich auch die mittelfristige Wetterlage im Auge behalten. Schließlich bin ich sozusagen auf dem Rückweg.

 

Fr., 25.06.10, Soby – Maasholm

Vormittags zunächst ein Rundgang durch den Ort. Aber es hat sich kaum etwas geändert.

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Erst mittags geht es wieder weiter. Ich hatte mich in Söby nicht an den Landstrom gehängt. Deshalb fahre ich nun erst mal eine halbe Stunde unter Motor bis Skjoldnäs, um den Batterien etwas Gutes zu tun und mir das Kreuzen zu sparen. Danach erst ideale Bedingungen, Sonne und Wind. Bald aber wieder das Sommertheater. Eigentlich wollte ich bis Kiel fahren, aber unter diesen Bedingungen biege ich ab in die Schlei.

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In Maasholm wird übernachtet. Der Ort hat für deutsche Verhältnisse seine Ursprünglichkeit recht gut bewahrt. Allerdings wird er eindeutig von dem großen Yachthafen dominiert.

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Ich bin früh genug angekommen, um mal wieder eine Maschine zu waschen und zu trocknen. Pfiffig gemacht: um zur Keramik zu kommen muss man erst mal an den ersten Konsumtempeln vorbei, Futterbuden, Fahrradverleih, Souvenirs. Die sanitären Anlagen liegen nämlich nicht direkt im Hafen, sondern eingangs des Ortes.

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Sa., 26.06.10, Maasholm – Rendsburg

Schon um sieben geht es los, ich möchte bis in den Nord-Ostsee-Kanal kommen. Der Wind ist zwar wechselhaft, aber brauchbar. Unterwegs werde ich vom Rettungskreuzer überholt und darf kurz darauf die Bergung eines Lebewesens aus den Fluten mit erleben!

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Gegen elf bin ich vor der Kieler Förde. Dort tummeln sich jede Menge kleiner Segelboote. Offenbar werden Regatten vorbereitet.

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Als ich in die Förde einlaufen will kommen mir jede Menge Yachten und viele Großsegler entgegen. Dazu Ausflugsdampfer und so ziemlich alles, was schwimmt. Die Hoffnung. dass das alles zu meiner Begrüßung aufgeboten wurde, legt sich rasch.

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In meiner weltfremden Art, Urlaub zu machen, war mir (unter anderem) die Kieler Woche entgangen. Heute ist der letzte Tag und Windjammer-Parade. Na gut, dann nehme ich das eben noch mit. Ich halte mich fein am Rand, es ist ein mächtiges Gewusel. Frachter und Fähren, die da durch müssen, sind offenbar wenig amüsiert. Leider sind nur wenige interessante Großsegler dabei, aber für ein Stündchen Fotografieren reicht es.

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Danach geht es weiter in ruhigere Gefilde, den Kanal eben. Abends bin ich in der Schreiber-Marina in der Nähe von Rendsburg. Das ständige Stehen und Balancieren während des Foto-Kreuzens war gar nicht gut für meinen Knöchel er ist wieder dick und zickt. Ich lenke ihn mit einer Radtour zum Einkaufen im nächsten Ort ab. Für den nächsten Tag ist Sommer und Schlappwind angesagt.

 

So., 27.06.10, Rendsburg – Cuxhaven

Das Wetter ist wie versprochen. Für die Kanalfahrerei also gut. Ich creme mich besonders gründlich gegen die Sonne ein, es ist nötig. Ich muss erst gegen elf los, weil die Elbe erst ab dem frühen Abend günstigen Strom für mich hat. Unterwegs habe ich viel Zeit, das Bein hoch zu legen und immer wieder mit einem nassen Handtuch zu kühlen. Sieht wahrscheinlich bescheuert aus und gibt einen lustigen Absatz im Sonnenbrand.
Wieder begegne ich einer der ganz großen Privatyachten.

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Das Timing klappt auch prima. Als ich durch die Schleuse bin ist zwar kein Wind, aber jede Menge Strömung. Man wird förmlich nach Cuxhaven gespült. In einem Abschnitt muss ich die Betonnung im tief stehenden gleißenden Sonnenlicht suchen und verblitze mir die Augen. Es wird Zeit, dass ich mir einen Sonnenschutzaufsatz für die Brille besorge!

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Am nächsten Tag ist wieder kaum Wind, ein knallheißer Sommertag. Deshalb und für verschiedene Einkäufe wird es ein ein Hafentag. Im Fischereihafen stoße ich auf einen Werksverkauf von Bahlsen, den ich noch nicht kannte. Für die Ausgewogenheit meiner Ernährung ist das ein herber Rückschlag! Sowohl in süß als auch in salzig…
Abends merkt man den Unterschied zur Ostsee. Die Dämmerung ist viel kürzer und es wird richtig dunkel. Auch das Licht ist ganz anders. Was so ein paar Meilen nördlicher doch ausmachen!

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Di., 29.06.10, Cuxhaven – Norderney

Wegen Strömung und Gezeiten geht es kurz nach fünf los. 19° zeigt das Thermometer schon! Mal wieder kein brauchbarer Wind, aber bis halb acht schiebt die Strömung.

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Zu dieser Zeit wird die Sicht rasch schlecht und bald ist pottendichter Nebel, oft nur 50 – 100 Meter. Ich bin in einem Dreieck, dass auf der einen Seite von der großen Untiefe ‚Nordergründe‘, auf den beiden anderen jeweils von Fahrwassern der großen Schiffe begrenzt wird.

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Ich gebe mit dem Nebelhorn Signale und höre immer wieder die Nebelsignale anderer Schiffe. Das Überqueren der Fahrwasser verkneife ich mir unter diesen Bedingungen. Das kann man zwar auch anders sehen („die anderen werden schon aufpassen“), aber gerade einhand gibt es da für mich keine Alternative. Einmal kommt eine große Yacht durch den Nebel geballert und dreht ziemlich knapp ab, als ich sie antröte. Ich hatte sie zuerst durch das Geräusch ihrer Bugwelle bemerkt.
Ich versuche die Leitzentrale ‚German Bight Traffic‘ über Funk zu erreichen, aber es klappt nicht. Die hätten mir Radarberatung geben können. So muss ich mich eben gedulden. Der Nebel kondensiert sofort auf der Brille (und macht sie unbrauchbar) und allen anderen kühlen Gegenständen. Nicht wie Beschlagen, sondern in dicken Tropfen. Ich tuckere auf und ab, am Rand des zu querenden Gebietes. Über Funk höre ich mit, dass manche Gebiete völlig klare Sicht haben, andere ebenfalls dichten Nebel. Erst gegen 13 Uhr reißt es mal auf, also etwas 500 m Sicht. Das muss reichen!

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Jetzt darf der Diesel sich mal richtig austoben, als wir das Fahrwasser überqueren. Die Sicht wird rasch besser und die beiden weiteren Fahrwasser sind kein Problem mehr. Nachmittags geht auch endlich wieder Segeln, der Wind rafft sich nett auf. Zwischendurch auch mal eine halbe Stunde heftiger Regen, aber das ist ja nur eine Kleidungsfrage. Abends um acht mache in in Norderney fest. So dichten und anhaltenden Nebel hatte ich schon lange nicht mehr. Und kleidungsmäßig hatte ich das ganze Spektrum von kurzer Hose bis Segelanzug. Der nächste Tag wird wieder ein sommerlicher Hafentag.

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Do., 01.07.10, Norderney – Lauwersoog

Ich hatte mit dem Gedanken gespielt, mir ein Nachtsegeln zu gönnen. Das ist nämlich bei guten Bedingungen etwas sehr Schönes. Vlieland oder Texel wären gute Ziele gewesen. Die Leute auf dem Nachbarboot hatten mir abends Bescheid gesagt, dass sie um sechs los wollten Richtung Elbe. Viertel vor sechs klopfte der Nachbar bei mir und rief, er hätte keine Lust mehr, sie würden nicht fahren. Irgendwie schien da der Bootssegen schief zu hängen…

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Na gut, dann fahre ich eben los. Vorher natürlich Kaffee trinken, Frühstück, spülen, Boot klar machen. Um neun geht es los. Es ist sommerlich, der Wind anfangs ordentlich. Gegen Mittag wird es diesig und der Wind bleibt aus. Also das Übliche… So geht das bis nachmittags. Motor an, Motor aus, Segel rauf, Segel runter. Von fünf bis sieben ist mal wieder Wind, danach Flaute. Da ist der Gedanke an Nachtsegeln witzlos. Ich biege ab. Für Schiermonnikoog und Ameland passt es mit den Gezeiten nicht,also bleibt nur Lauwersoog als Tagesziel. Das ist ein hübscher Umweg, denn es liegt hinter den Inseln auf dem Festland. Es ist schon dunkel, als ich gegen elf dort ankomme. Nach den Erfahrungen von früher war ich darauf eingestellt, bei einem Fischkutter längs gehen zu müssen oder so etwas. Aber weit gefehlt, dort gibt es eine ganz neu Marina, außen vor der Schleuse. Offenbar noch ziemlich unbekannt, denn sie war fast leer.

 

Fr., 02.07.10, Lauwersoog – Oudeschild

Heute will ich die Nachtfahrt aber machen! Ich besichtige die Umgebung des Hafens, viel zu sehen ist da nicht.

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Dann lasse ich mich nach binnen schleusen, weil ich tanken muss. Und Diesel gibt es nur in dem inneren Yachthafen. Aber es ist Zeit genug, durch die Gezeiten kann ich sowieso erst am frühen Nachmittag los. Um halb zwei bin ich wieder nach draußen geschleust.

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Der Alternativplan, das nahegelegene Schiermonnikoog anzulaufen, hat sich nach einem Blick durchs Fernglas erledigt. Dort ist es schon proppenvoll. Klar, ein Wochenende mit so einem traumhaften Sommerwetter! Immerhin, von Anfang an ist strammes Segeln möglich! Draußen vor der Küste passiere ich in gebührendem Abstand die beiden Gas-Förderplattformen.

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Dann gönne ich mir einen Schlag weit raus, weil ich auf dem Kurs schön Sonne im Cockpit habe. Anschließend geht es parallel zur Küste weiter. Ab acht wird der Wind immer schlapper und kurz vor neun muss ich den Diesel anwerfen.Voraus ist heftiges Wetterleuchten zu sehen. In den Wellen, die das Boot macht, sieht man ausgeprägtes Meeresleuchten. Das bedeutet, dass das Wasser überall dort wo es bewegt wird phosphoreszierend leuchtet. Immer wieder ein fantastischer Anblick.

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Gegen Mitternacht beginnt es, leicht zu regnen und eine Stunde später haben wir heftigen Regen mit ordentlichen Gewittern. Die elektronischen Geräte machen mal wieder Pause im Backofen.

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In den nächsten Stunden kriege ich mit Regen und Gewittern noch mächtig etwas auf den Kopf. Erst mit der Dämmerung lässt es gegen vier nach.Übrigens sieht das Meeresleuchten sogar dabei gut aus, denn jeder Regentropfen leuchtet beim Auftreffen auf die Wasseroberfläche auf.
Um halb fünf darf der Motor schweigen, Segeln ist möglich! Eine satte halbe Stunde lang… Dann ist wieder kein Wind mehr.
Um halb sechs fliegt die Sicherung des Autopiloten raus, nichts geht mehr. Super! Gerade jetzt, wo ich am müdesten bin! Der weitere Kurs wird wohl ein bisschen schlangenlinig…
Zehn vor neun laufe ich in Oudeschild auf Texel ein.

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Die Crew des Hafens besteht wohl nur noch aus ansehnlichen jungen Frauen. Auch kein schlechtes Marketing. Weniger wackelige Seitenstege wären mir allerdings noch wichtiger. Werde ich jetzt alt oder bin ich bloß wasserscheu? Ich trinke erst mal Kaffee, mache eine kleine Radtour und lege mich nachmittags ein Stündchen hin. Es ist wieder ein heißer Sommertag.

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Am nächsten Tag nehme ich (gefühlt) das halbe Boot auseinander, um der Elektrik des Autopiloten zu folgen. Umsonst, die Tasten haben jetzt sinnlose Belegungen, da scheint die Elektronik etwas abbekommen zu haben. Vielleicht zu viel Gewitter in der vorigen Nacht? Gut, dass mir das nicht in der Ostsee passiert ist! Zum Trost mache ich eine ausgiebige Radtour über die Insel. Mal die Stellen ansehen, wo ich noch nicht war. Nachts regnet es leicht.

 

Mo., 05.07.10, Oudeschild – Medemblik

Viertel vor elf fahre ich los. Der Hafenmeister winkt mich und die folgenden Boote zur Seite. Wir müssen warten, während zwei Fluss-„Traumschiffe“ umständlich einlaufen und rangieren. Nach zwanzig Minuten geht es weiter. Das Wetter ist wieder sommerlich. Der Wind auch, also zwischen mager und geht gerade so. Aber der Strom schiebt ja wieder mit. Erst kurz vor der Schleuse Kornwerderzand wird der Wind nett, 3-4. Der kürzere Weg über Den Oever wäre mir zu wenig Segelei gewesen, deshalb bin ich hierher gefahren. Im Vorhafen der Schleuse ist wieder mal gepflegtes Chaos. Alle wollen sofort durch, mit allen Mitteln. Und ‚alle‘ sind diesmal ziemlich viele. Plötzlich fallen mir Olly und seine Frau auf, die mit ihrem Boot aus der Ostsee hier sind. Sie stürzen sich unverzagt ins Getümmel. Ich mache provisorisch fest und erst mal Mittag. Die zweite Hälfte des Salates von gestern ist jetzt gerade richtig durchgezogen. Auch die nächste Schleusung lasse ich noch verstreichen, dann stelle ich mich dem Chaos. Es ist schon wesentlich entspannter, bis auf eine ältere Charter-Crew auf einem 50-Fuß-Boot. Ziemlich hilflos und verständnislos. Sie versuchen eine 6 m-Waarschip als Fender zu benutzen und verstehen gar nicht die berechtigte Aufregung deren Skipperin. Hinter der Schleuse setze ich nur die Genua, das reicht für die 5 oder 6 vor dem Speed-Komma.

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Abends um neun mache ich in Medemblik im Pekelharinghaven fest, nachdem ich bis dort hinein gesegelt bin. Wieder ist der nächste Tag erstens ein Hafen– und zweitens ein heißer Sommertag. Der ultimative Kampf mit dem Autopiloten findet statt. Ich verliere. Zum Trost wieder ne Radtour, denn es ist schon früher Nachmittag, Auslaufen lohnt sich nicht mehr.

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Ich radele nach Oude Zeug, sehe mir die Jongert-Werft und den Nothafen Oude Zeug an. Der ist wirklich nur für Notfälle gut, Spundwände und vereinzelte Großschiff-Poller.

 

Mi., 07.07.10, Medemblik – Ankerplatz Enkhuizer Zand

Um zehn Uhr los, ohne bestimmtes Ziel. Einfach so, die Segelbedingungen sind perfekt und ich will einfach ausgiebig lustsegeln! Mich zum Abschluss noch mal richtig satt machen. Erst SW 3-4, bald SW 4-5, in Drückern auch ein bisschen mehr. Dazu Sonne satt. Genau das, was mir ein kundiger Arzt verordnen würde! Ich rausche erst rauf, mir Jongert und Oude Zeug auch noch vom Wasser aus ansehen. Dann rüber Richtung Stavoren, vielleicht sehe ich ja Olly irgendwo. Auf halber Strecke kehre ich für einen langen Schlag bis vor Den Oever um. Anschließend wieder bis unmittelbar vor Stavoren, mal nur zum Spaß durch die berüchtigte Welle rauschen. Und dann im weiten Bogen Richtung Andijk und schließlich zum Enkhuizer Zand, 2 sm westlich Trintelhaven. Dort ankere ich nach 44 lustbetonten und sinnfreien Segelmeilen. Ich schwimme bei 22 Grad Wassertemperatur eine Runde ums Boot und lasse es mit gutgehen. Nochmal ein traumhaft kitschiger Sonnenuntergang.

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Do., 08.07.10, Ankerplatz – Lelystad

Sieben Uhr los. Den letzten Rest des Heimwegs fahre ich „oben rum“, durch das Naviduct bei Enkhuizen. Sonst wäre ich doch all zu schnell wieder in der heimischen Box. Bei 2-3 und moderaten Temperaturen ist es nochmal ein korrekter Segeltag. Mittags bin ich da. Schade eigentlich, jetzt könnte ich eine Nachkur gebrauchen. Stattdessen ist Reinschiff und Auspacken fällig…

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Fazit
Es war ein schöner ruhiger Törn. Drei Wochen kalt, drei Wochen freundlich bis sonnig, aber kalter Wind und die letzten drei Wochen immer mehr Sommer (und zu oft weniger Wind…).
60 Tage unterwegs, davon 23 Hafentage, ca. 1460 sm, ca. 930 Euro an Hafen- und Kanalgebühren. Das Boot hat meine Erwartungen in mancher Hinsicht noch übertroffen. Und ich habe ganz viel gesehen, wo ich nochmal ausführlich hin muss!

Ein Kommentar zu “Zehn Wochen Auszeit einhand

  1. Ein toller Bericht. Wirklich schöne Fotos und sehr schön geschrieben mit der richtigen Mischung aus reinen Infos und Unterhaltsamen.

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