S.Y. Brynja´s Blog

Schlendern unter Segeln

Sicherheitstrainings und -erfahrungen

Ende Februar haben wir in Düsseldorf an einem so genannten Hochsee-Sicherheitstraining teilgenommen, zusammen mit vielen anderen Segeln-Forums-Mitgliedern. Veranstalter war ein Düsseldorfer Segelverein. Gekostet hat es gerade mal 40 Euro.

 

Zunächst gab es Theorie und einige schriftliche Unterlagen.Zunächst wurden die Bestätigungs-Zertifikate ausgegeben. Eine weitere Teilnahme wäre also gar nicht erforderlich gewesen. Wer wollte, konnte noch 12 Euro und ein Passbild abgeben, um später das offizielle ISAF-DSV-Zertifikat zu bekommen. Eine Prüfung oder Kontrolle der Teilnahme am weiteren Kurs, bzw. praktischen Teil gab es nicht.Das ist also schon mal ein Geheimtip für Leute, die mit minimalem Aufwand und geringen Kosten an ein ISAF-Zertifikat kommen wollen. Woanders kostet das mehrere hundert Euro, mindestens zwei Tage Kursus, oft auch noch eine Prüfung.Andererseits zeigt so etwas einmal mehr, wie wenig DSV-Zertifikate wert sind.

Es war eine nette kleine Veranstaltung, nicht so professionell, eher vereinsmäßig.Wir waren etwa 50 Leute, die in einem Nebenraum des Hallenbades ziemlich eng zusammen saßen.

Von elf bis halb vier, unterbrochen von einer dreiviertel Stunde Mittagspause, gab es Theorie. Die bestand vor allem aus einer Powerpoint-Präsentation, die abwechselnd von zwei Mitgliedern dieses Clubs moderiert wurde. Nette Leute, wir wissen jetzt, dass sie schon in der Straße von Gibraltar und vor Schottland gesegelt sind… An den Fragen der Zuhörer merkte man, dass sie sehr unterschiedliche Voraussetzungen mitbrachten. Teilweise schienen sie sich mit solchen Themen noch nicht auseinander gesetzt zu haben, teilweise fühlten Erfahrene sich unterfordert und hatten sich offenbar vor allem mehr Antworten auf ihre Fragen versprochen.

In der Mittagspause konnte man sich von einem Pizzadienst etwas bringen lassen. Gegessen werden musste allerdings auf dem Schoß, mangels geeigneter Möblierung und Platzverhältnisse.

Dann gab es eine Stunde „Vorführung von Sicherheitsausrüstung“. Dahinter verbarg sich die Vorstellung von Rettungswesten und einer Rettungsinsel durch Personal eines nautischen Geschäftes. Nette Leute, auch wenn sie etliche Fragen nicht wirklich beanworten konnten. Und man muss ja als Verkäuferin nicht wirklich wissen, wie ein Spraycap funktioniert. Bei der praktischen Vorführung merkt man ja dann, dass man die Frage falsch beantwortet hatte… Das dürfte aber auch eher denen aufgefallen sein, die schon ein paar Erfahrungen hatten.

Von fünf bis halb acht ging es dann endlich ins Schwimmbad. Anfangs hat es mich ein bisschen irritiert, dass es sich gar nicht um ein Wellenbad handelte. Es war einfach ein abgeteiltes Stück des tiefen Beckens. In dem anderen Teil fand zu Diskomusik eine Aquagymnastik-Veranstaltung statt. Dann merkte man aber bald, dass die ganze Veranstaltung in diesem nicht wirklich ernsthaften Stil war.

Es wurde für uns eine 6 Personen-Rettungsinsel ins Wasser geworfen und sie öffnete sich auch korrekt. Sie wurde mit zwei Leinen zu den Beckenrändern hin so abgespannt, dass sie weder abtreiben noch kippen konnte.

Die meisten von uns hatten ihre Segelanzüge plus Rettungswesten an. Damit sprangen wir gruppenweise ins Wasser. Für die meisten war es eine neue Erfahrung, das Auslösen ihrer Weste mal live zu erleben. Manche Westen funktionierten auch nicht oder nur teilweise. Alle kletterten in die Rettungsinsel, was dank der Leinen nicht so dramatisch war. Auf der anderen Seite durfte man sich dann wieder aus der Insel rausfallen lassen und zum Beckenrand schwimmen, die nächste Gruppe war dran.

Wer Lust hatte konnte dann in einem kleinen Nebenbecken die simulierte Hubschrauber-Rettung erleben. Die bestand darin, unter das Einmeterbrett zu schwimmen und sich mittels Bergegurt „hoch“ ziehen zu lassen. Anschließend wurde jede Gruppe noch einmal durch die Insel geschleust.
Das war es so ungefähr mit der Praxis.

Abschließend wurde mehr oder weniger ausgiebig geduscht und dann fuhren die meisten noch auf einen Plausch und zum Essen und Trinken ins Schalander. Es wurde ein netter Abend. Leider vor allem zunehmend für die rauchende Minderheit. Schade, dadurch wurde auch dieser Abend mal wieder unerfreulich kurz. Trotzdem haben wir nette Leute kennen gelernt und uns gut unterhalten. Gut geschmeckt hat es auf jeden Fall.

Zur eigentlichen Veranstaltung meine ich, dass es sich auf jeden Fall gelohnt hat, diese Erfahrungen mal zu machen. Da war das Preis-Leistungs-Verhältnis durchaus passend. Man darf allerdings keine ernsthaften Erwartungen haben. Was ich absolut nicht in Ordnung finde, ist die Vergabe des ISAF-Zertifikates dafür! Da wird ein Ausbildungsstand vorgetäuscht, der nicht vermittelt wird und der unter diesen Bedingungen auch gar nicht vermittelt werden kann. Und bei dem Thema „Sicherheit“ sollten solche geschäftstüchtigen Scherze aufhören!

Immerhin hat mich dieses Erlebnis angeregt, nach einer ernsthaften Alternative zu suchen. Dabei ging es mir vor allem um den praktischen Teil im Wasser, weil der nur erlebt werden kann. Ich bin bald fündig geworden.

Für Leute, die ein bisschen niederländisch verstehen und sprechen, gibt es noch eine interessante Trainingsalternative.
Ich habe mir das am 22.03.09, einem Sonntag, gegönnt und bin voll auf meine Kosten gekommen, einschließlich Muskelkater und blauen Flecken…
Ich habe selbst keine Fotos gemacht, deshalb nur Links.

Wir sind ganz früh losgefahren, weil wir um zehn in der Nähe von Rotterdam sein mussten.
Zunächst gab es Frühstück und das Briefing, eine theoretische Einweisung. Diese 40 Minuten enthielten schon mehr Tips und Wissen als mancher Gesamtkurs, den ich kennen gelernt hatte.

Dann fuhren wir zum Praxis-Teil.
Das war wirklich professionell gemacht. Nun ja, eben von Profis. Eine tolle Anlage am Rande des Rotterdamer Hafens. Häuser, Schiffe, Hubschrauber, Busse, usw., alle möglichen Örtlichkeiten, 4,5 ha groß.

Dort werden normalerweise Bohrinsel-Crews, Schiffs-Besatzungen, Feuerwehren, Polizei, Einsatzkräfte usw. in Brandbekämpfung und Sicherheitstechniken trainiert. Der perfekte Spielplatz für große Jungen!

Für das maritime Indoor-Training gibt es eine Halle, die vor allem ein Wasserbecken von 30 x 16 x 3 m enthält. Süßwasser, ca. 24°.

Alle tragen Taucheranzüge, kann man vor Ort auch mieten. Die Teilnehmer setzten sich aus Tauchern und Seglern zusammen. Es wurden etwa 6 Gruppen mit jeweils 7-9 Leuten gebildet. Jede Gruppe hat zwei Trainer. Alle trainierten gleichzeitig an den verschiedenen Stationen. Dadurch gab es schon einen beträchtlichen Geräuschpegel und einen Hauch von Stress sowie unruhiges Wasser.

Vorher hatte man die Extra-Möglichkeit, mal mit einem Freifall-Rettungsboot ins Wasser zu rauschen. Interessante Erfahrung nebenbei.

Das eigentliche Training ging für mich mit der Heli-Station los. Das ist quasi eine Hubschrauber-Kabine, an einem Stahlseil gekrant und um die Längsachse drehbar. Darin sitzt man angeschnallt und lernt, so auch zu bleiben bis sie ganz unter Wasser ist. Dann darf man sich abschnallen und durchs Fenster entfleuchen. Im nächsten Durchgang wird die Kabine nach dem Versenken auf den Kopf gedreht, bevor man aussteigen darf. Alles natürlich gut erklärt und mit Tauchern in Bereitschaft. Statt Heli kann man sich mühelos auch ein Auto oder ein gekentertes Boot vorstellen. Übrigens war das die Übung, vor der ich zuvor am meisten Bedenken hatte.

Dann lernt man, in ein Schlauchboot zu kommen, ein gekentertes Schlauchboot aufzurichten, den Wetterschutz eines gekenterten Schlauchbootes auszunutzen und einen (unterkühlten) Verletzten korrekt ins Schlauchboot zu bringen, ohne ihm damit den Rest zu geben.

Eine weitere Station ist ein Kletternetz, über das man im Ernstfall von einem großen Schiff geborgen werden würde. Nur, dieses hier hängt frei. Aber mit der richtigen Technik geht auch das. Kletterseil (runter und rauf), Bergeschlinge und Abseilen mittels der alpinen Technik schließen sich an. Ach ja, die frei hängende Strickleiter nicht zu vergessen, wieder eine Frage der Technik. Alles von einer vier Meter hohen Plattform aus. Natürlich lernt man auch, wie man mit und ohne Rettungsweste aus dieser Höhe ins Wasser springt.

Und immer ist Teamwork gefragt, anders würde vieles nicht gehen.

Dann Übungen an und in einer Rettungsinsel, einer für 20 Leute. Damit ist etwas schwieriger umzugehen als mit den Yacht-Inseln.

Ein zweites derartiges Exemplar ohne Dach dient für Aufricht- und Kenterübungen. Jeder für sich diesmal.

Dazwischen Schwimm- und Treibtechniken im Wasser, wie man sich am besten wann verhält, wie man möglichst warm bleibt, auf sich aufmerksam macht usw.

Das Becken darf man oft nicht per Leiter verlassen, sondern nur mit Hilfe von kleinen Trittlöchern. Die sind etwa einen halben Meter unter der Wasseroberfläche in den Wänden. Der Beckenrand ist so hoch, dass man gerade mit den Fingerspitzen daran reicht. Also geht auch das kaum ohne Teamwork. Immer wenn man denkt, mal verschnaufen, normal atmen oder gucken oder eine Übung etwas gemütlicher gestalten zu können, kommt eine „Auffrischung“ mit dem Feuerwehrschlauch von irgend einem Trainer. Diese „Gischt“ hat deutlich weniger als 24°.

Dann werden Feststoff-Rettungswesten ins Wasser geworfen und man muss sie dort erst anziehen. Gar nicht so einfach…

Schließlich eine kurze Kaffeepause und ein Mars-Riegel (soviel verbrauchte Energie kann kein Mars zurück bringen!)

Abschließend kommt die verschärfte Version. Die Heli-Attrappe wird aus dem Wasser geholt und der Parcours erneut angegangen. Jetzt hat jedes Team aber nur noch sieben Minuten pro Station. Und vor allem: die Wellenanlage und die Wind- und Wassergebläse (acht große Propeller) werden in Gang gesetzt. Es wird ohrenbetäubend laut, anderthalb Meter hohe Wellen und Windstärke 8 mit viel waagerechtem Regen. Außerdem Dunkelheit und durch Stroboskop-Beleuchtung simulierte Blitze. Vom nötigen Schreien beim ständigen Abzählen ist bald die Stimme weg und die meisten lernen ihre körperlichen Grenzen kennen.

An Realitätsnähe bleiben keine Wünsche mehr offen…

Als Fazit kann ich sagen, dass dieses Training die Intensität und eben Realitätsnähe hatte, die ich mir gewünscht hatte. Mit dem gemütlichen Plümpsen in einem ruhigen Hallenbad hat das rein gar nichts zu tun.

Ich fand es wichtig, meine Möglichkeiten und Grenzen unter diesen Bedingungen kennen zu lernen. Bei vielem sind es Details, manchmal Kleinigkeiten, die den Unterschied zwischen geht und geht nicht ausmachen. Beispielsweise sind Kletternetz, Strickleiter und Seil ohne die richtige Technik frei hängend kaum zu schaffen. Das war für mich überraschend. Diese Übungen fanden zuletzt unmittelbar vor den Gebläsen statt, also wirklich sehr realistisch.

Wovor ich starke Bedenken gehabt hatte, war die Befreiungsübung aus der Kabine unter Wasser. Allein für diese Erfahrung hat sich der Tag gelohnt! Das ist theoretisch einfach nicht zu vermitteln. Und im Ernstfall ist das vielleicht die Situation, bei der es am schwersten ist, ruhig zu bleiben.

Gekostet hat der Spaß 75 € + 12.50 € für das Mieten des Tauch-Packs.

Jetzt juckt es mich natürlich, auch die Nordsee-Variante dieses Angebotes mal mit zu machen. Vorher muss ich mein Niederländisch aber wieder auffrischen, um beim Theorieteil alles mit zu bekommen.

Es war durchaus kein Ranger-Training. Jeder fand seine individuellen Grenzen. Der Rest wurde durch Teamwork ausgeglichen, wie es sein sollte. Aber man merkte schon, dass ein gewisses Maß an Fitness und Beweglichkeit eigentlich das Wichtigste bei Sicherheit auf dem Boot sind. Oder sein sollten… Passt eben nicht immer mit dem Alltag übereinander.

Wir hatten einen älteren Segler in der Gruppe, der vor 16 Jahren selbst einen Seenotfall hatte und per Kletternetz von einem Tanker geborgen worden war. Daraufhin hatte er damals schon mal so einen Kurs mitgemacht.
Er war diesmal sehr zufrieden mit dem, was uns geboten wurde. Er wies aber darauf hin, dass z.B. das Kletternetz im Ernstfall 15 m hoch ist und nicht vier. Dafür ist es aber auch nicht ganz so frei hängend.

Ich glaube, die kleinen Techniken und Tricks, die man lernt, bleiben hängen.
Und für mich persönlich war die Erfahrung mit dem Befreien aus der Kabine unter Wasser besonders wichtig. Davor hätte ich am ehesten Angst gehabt und das ist jetzt einschätzbarer.

Aus all diesen Erfahrungen haben sich einige gute Vorsätze heraus kristallisiert. Wir werden uns noch zwei 275er Westen mit Spraycaps und Leuchten kaufen. Die Streckgurte werden wieder installiert, wie früher beim Einhandsegeln. Das Notfall-Messer am Niedergang muss anders angebracht werden. Die vier 2 kg-Feuerlöscher werden gegen zwei 6 kg-Löscher ausgetauscht. Und einiges anderes mehr.


http://www.getwet.nl/index.php/watersporters/watersport/

2 Kommentare zu “Sicherheitstrainings und -erfahrungen

  1. Diese Hubschrauberkabinenübung ist doch eigentlich eher was für Leute, die im Offshore Bereich arbeiten, oder? Als Segler brauch ich das doch eher mal selten. Höchstens, wenn der Rettungshubschrauber mit mir drin auch noch abstürzt…
    Tolle Erfahrungen hast du da jedenfalls gemacht, Respekt. Da kann der Kurs von Sailing Island nicht gegen anstinken, obwohl der auch gut war. Siehe Artikel bei mir im Blog.
    Ciao,
    Mo

    • Stimmt, das war eigentlich für eine professionelle Klientel. Es gab da noch einen Outdoor-Tag, vor Scheveningen. Mit Hubschrauber und Rettungskreuzer. Diese Erlebnis-Abrundung hab ich aber nie geschafft. In MG hatte ich auch meine erste derartige Ausbildung, Anfang der 90-er. Es gab da ein Wellenbad, das wohl später abgebrannt ist.
      Allein für die Erfahrung, wie unverzichtbar die Spraycap ist, hat es sich schon gelohnt.

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